Abenteuer abgebrannt

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Die Quellen des Nils? Entdeckt. Mit dem Fallschirm über Borneo raus? Hat der Nachbar letzten Sommer bereits erledigt.
Mit dem großen Abenteuer kann man auch klein anfangen: einfach zu Hause bleiben und vier Wochen das Geld weglassen.

Dass letzte Geld geht für Schmalzgebäck drauf. 100 Gramm, 2,50 Euro, Frühjahrsdom. Eigentlich war das anders gedacht, denn ich habe einen Plan gefasst: In den nächsten vier Wochen will ich kein Geld ausgeben. Allerdings, das gehört zum Plan, probiere ich die Light-Version aus: Ich zahle weiter Miete, kündige meine Krankenversicherung nicht, der Sportverein bucht weiter ab, ich telefoniere, und Strom wird mir auch nicht abgestellt. Bei dem Ganzen geht es nicht darum, Armut zu simulieren, das ist unmöglich. Mir geht es darum, endlich mal wieder richtig was tun zu müssen, um etwas zu bekommen. Oder verzichten. Viel zu oft reiche ich gedankenverloren Euros über einen Tresen und weiß von vielen Dingen nur noch, was sie kosten, und nicht, was sie eigentlich wert sind. Warum nicht gleich beim Schmalzgebäck anfangen?

Fragen kostet ja nix, eigentlich

Kein Problem, denke ich, atme durch und gehe auf den Stand zu. Die Verkäuferin lächelt. Ich schwitze. Ganz leicht, denke ich. Ausatmen. Konzentrieren. „Ja?“, sagt sie. Ich mache „Ähmm …“. Das Schmalzgebäck schmachtet mich an. Ich sage „Also …“. Ich halte den Verkehr auf, hinter mir bildet sich eine Schlange. Ihr Kopf kommt mir entgegen. „Germknödel oder Schmalzgebäck?“

Ich versuche, Zeit zu schinden.

„Was kostet das?“

Eine bescheuerte Frage, schließlich bin ich etwa 30 Zentimeter vom Preisschild entfernt.

„Ich habe …“, sage ich, „… kein Geld“. Puh.

„Doof“, sagt sie, immer noch lächelnd. Wie entwaffnend kann es denn noch sein?

Und dann mache ich eine Wendung, ungeschickter geht es kaum. „Ahhh“, sage ich, „da fällt mir ein …“. Ich erkläre umständlich, warum mir erst jetzt einfällt, dass ich doch Geld habe. Sie nickt verständnisvoll und auch ein bisschen bedauernd. Vielleicht macht sie sich Sorgen um meine geistige Verfassung. Ich lege das Geld auf den Tresen und kaufe eine kleine Portion.

Das war eher nichts. Menschen ansprechen, um zu fragen, ob man etwas geschenkt bekommt, ist schwerer als ­gedacht.

Neue Währung: Freund sein

Am nächsten Tag werde ich zum Essen eingeladen, Restaurant, Eimsbüttel. Eine Freundin zahlt, sehr lange nicht gesehen. Es gibt Königsberger Klopse mit Gemüse. Noch nie war mein Teller so sauber. Ich esse alles auf, nur nichts verschwenden. Wir kommen mit der Besitzerin ins Gespräch, „interessantes Projekt“, sagt sie, und dann unterhalten wir uns über alles Mögliche: Lieblingsfilme, Kinder, Farben und Möbel. Dann sagt sie: „Du kannst gerne auch mal wieder hier vorbeikommen zum Essen.“ Kostet nix. Die Gegenleistung? Ich kann ja in Zukunft mal die Webseite betexten. Es klingt nicht so, als ob das zwingend notwendig sei.

Mir schwant, dass ohne Geld plötzlich eine andere Währung auftaucht: Freund sein, soziale Bindungen. Wer viele Leute kennt, ist klar im Vorteil.

Einladungen zum Essen sind in den ersten Anläufen jedenfalls kein Problem. Nach einer Rundum-Anfrage auf Facebook bekomme ich sogar welche von Freunden aus Griechenland und Los Angeles. Kalifornien? Wa­rum nicht, denke ich. 3,20 Euro für den HVV zum Flughafen? Unsinn, ich habe kein Geld, ich fahre mit dem Rad. Es geht an der Alster entlang. Rotherbaum, Harvestehude, Eppendorf: Ich muss gar nicht verreisen, um andere Kulturen kennenzulernen.

Miles and Moor

50 Minuten später bin ich da, nassgeschwitzt, aber schneller als gedacht. Es gibt tatsächlich Fahrradständer am Flughafen. Terminal 1. Ich passe einen Moment ab mit wenigen Leuten, die erste Fluggesellschaft ist mir sympathisch. Ich bin weniger nervös, als ich dachte, vermutlich bin ich einfach zu schlapp vom Radfahren. „Hören Sie, es ist so …“, ich versuche eine Erklärung.

„Nein, das geht nicht.“

„Warum nicht? Fliegt doch sowieso.“

Der Mann bleibt freundlich. Er schüttelt den Kopf.

„Ich fliege oft mit Ihrer Airline“, sage ich. Als ob mich das zu etwas berechtigt. Er erwidert, dass ich dann ja sicherlich genug Meilen gesammelt hätte, um umsonst fliegen zu können.

„Ich sammle keine Meilen. Aus Aberglauben.“ Er sagt: „Ach.“

Ich sage: „Wenn ich Meilen sammle, ­stürzen wir brennend in den Atlantik.“

Er sagt sehr lässig, aus Gründen der Flug­sicherheit solle ich die Meilensammelei dann auch in Zukunft lieber bleiben lassen. Ich darf trotzdem nicht umsonst mit, obwohl ich vorschlage, die Kabine zu putzen. Als ich schon ein paar Schritte weit weg bin, winkt er mich wieder zu sich. Er habe mal nachgesehen, sagt er. Ich freue mich schon, und dann sagt er, trocken und lächelnd, dass er ein kostenloses Ausflugs­ziel rausgesucht hat, ist hier in der Nähe: „das Eppendorfer Moor“.

Kenne ich nicht.

Verlaufen statt einkaufen

Und dann fahre ich hin. 13 Minuten mit dem Rad, 26 Hektar, das größte innerstädtische Moor Europas. Birkenbruchwald, entstanden nach der letzten Eiszeit, seit 1982 Naturschutzgebiet. Es wimmelt von Schmetterlingen und allen möglichen Vögeln, selbst Graugänse landen hinter mir auf einem Tümpel, der schwarz glänzt.

Zwar treffe ich ein paar Familien und Fußgänger, aber dennoch: Ich bin fast allein. Es ist wirklich schön, denke ich. Und dann: Wo bin ich denn? Ich habe mich verlaufen. Und verbuche das als gute Erfahrung. Ich setze mich ans Wasser. Schließlich verbringe ich den Tag dort. Und auch die restliche Zeit bleibe ich in Hamburg.

Geschenkt!

Ich langweile mich nicht. Ich sehe einen Film und fege dafür den Kinosaal aus. Ich besuche ein Konzert und spiele dafür ein wenig Bass. Ich gehe zum Fußball und packe dafür Umzugskisten. Ich helfe beim Haspa Marathon und frühstücke in der Filiale. Meistens muss ich allerdings keine Gegenleistungen erbringen und bekomme Dinge geschenkt – obwohl ich mich anbiete wie Sauerbier. Ich könnte ein Ständchen auf der Gitarre spielen. Vielleicht später. Ich kann den Kindern vorlesen. Nett, muss aber nicht sein. Ich kann mit dem Hund raus. Der ist schon alt. Soll ich staubsaugen? Ist doch gar nicht dreckig. Will ich doch mal was tun, ist es zäh. Ich esse Pasta in Altona, will dafür die Wohnung aufräumen, weiß aber nicht, wo was hingehört, und muss ständig fragen. Ich bin keine große Hilfe und am Ende stelle ich frustriert alles irgendwohin. Immerhin: Für meine Nachbarin kaufe ich ein. Ohne Hintergedanken und Gegenleistung. Das hätte ich mal eher machen sollen, weil sie eine alte Frau ist. Ich nehme mir vor, das jetzt öfter zu tun. Sie schenkt mir einen Kuchen aus dem Supermarkt.

In der Regel reicht es, wenn ich mich unterhalte. Ich versuche dann, möglichst schlau zu sein und gleichzeitig empathisch. Ich will den Leuten was bieten, also verwurste ich alles, was ich an Halbwissen besitze, und rede über das Christentum im Speziellen und Religion im Allgemeinen, über Globalisierung und Regionalisierung, Slow Food und Fast Food, die Form von Besteck, die verdammten Mieten und über Elefanten bei Hagenbeck. Bei Bedarf mische ich Fußballwissen mit ein.

Nehmen will gelernt sein

Werde ich in ein Restaurant eingeladen, wähle ich eins aus, in dem es Streichhölzer umsonst gibt. Ich lerne: Streichhölzer sind eine gute Währung bei Rauchern. Round about vier Packungen kostet ein Bier. Als ich das zum ersten Mal einem Freund vorschlage, sieht er mich an, als hätte ich vorgeschlagen, nachts bei Vollmond nackt linksrum um eine Eiche zu tanzen.

„Was?“, sagt er ungläubig.

Ich sage: „Du gibst mir eine Flasche Bier, ich gebe dir vier Streichholzschachteln.“

Sein Blick verändert sich dann noch mal. Er wird mitleidig und will mir die Flasche Bier einfach schenken. „Gut“, sage ich, froh die Summe reinvestieren zu können. Ich sage: „Ich gebe dir acht Packungen für einen Liter Milch.“

Er schenkt mir auch noch die Milch.

Ich bedanke mich ungefähr tausendmal. Tatsächlich habe ich permanent ein schlechtes Gewissen, weil ich ständig das Gefühl habe, jemandem auf der Tasche zu liegen und alle um mich herum nur auszunutzen. Ich stelle fest: Nehmen muss man lernen. Jedenfalls macht es mir viel weniger aus, wenn ich einlade, als eingeladen zu werden. Ohne Geld bewege ich mich nie auf Augenhöhe. Offensichtlich funktioniert meine Geldfreiheit nur, weil die anderen zahlen.

Arm, aber sexy?

Am nächsten Tag, mittlerweile habe ich fast drei Wochen überstanden, esse ich nichts und besuche Dammwild in Nienstedten und das Zoologische Institut am Grindel, dort ist der Eintritt frei. Abends gibt es Dinkel­flocken, eingeweicht in Wasser. Ich gehe ins Bett und habe schlechte Laune. Und dann, ich mache gerade einen Spaziergang in Ottensen, Elbe, kostet ja nix, Tag 22, lerne ich eine Frau kennen. Small Talk, sie hat einen Hund. Ich bin gut in Hundefragen. Ich versuche, den Flow auszunutzen.

Ein Date. Aber was kann ich schon bieten? Lass uns treffen, aber du musst alles zahlen? Das klingt medium-verlockend. Ich entschließe mich dennoch für die Wahrheit. Ich sage: „Ich habe gerade kein Geld.“ Es klingt wie: „Ich habe gerade Ausschlag am ganzen Körper.“

Es wirkt auch so. Nachdem sie erst sehr nett ist, wird sie deutlich reservierter. Ich falle mit einer Spontanidee ins Haus: Treffen auf dem Energiebunker in Wilhelmsburg. Die Aussicht genießen. Dabei tiefgründige Gespräche führen. Von da kann man die ganze Stadt sehen. Hafen, Dom, Michel, Fernsehturm, Elbphilharmonie, das volle Programm. Ist das nicht romantisch? „Super“, sagt sie, aber es klingt wenig super. Wir verabreden uns trotzdem (rückblickend: Ich habe mich verabredet).

Und was soll ich sagen: Sie kommt nicht. Zwei Tage später sitze ich fast eine Stunde auf dem Bunker herum und warte. Gegen die Aussicht kann man wirklich nichts sagen. Und auch der Bunker selbst, Wärmespeicher, regeneratives Kraftwerk, weltweit einmaliges Konzept, war mir neu. Ich hätte ihre Telefonnummer aufschreiben sollen. Hätte aber wahrscheinlich auch nicht geholfen.

Summa summarum

Ich kaufe frustriert einen Kaffee im Café Vju auf dem Bunkerdach, KAUFE! Ich erschrecke kurz, aber beschließe dann, dass der Versuch endet, in Wilhelmsburg, mit Blick auf eine Regenfront. Ich fahr nach Hause, mit dem Fahrrad. Und gehe sofort was essen. Ganz gut, niemanden zum Zahlen dabeihaben zu müssen: Ohne Geld zu leben ist möglich, wenn die anderen es haben, aber logistisch ist es extrem aufwendig. Ich vermute, dass der Versuch einigermaßen funktionierte, weil er nur auf vier Wochen angelegt war (die ich nicht mal ganz geschafft habe). Alle wussten, dass ich es nur probiere, dann aber wieder aufhöre und keinem damit auf die Nerven gehe. Das Gute ist: Ich habe ganz viele Freunde getroffen, die ich ewig nicht mehr gesehen hatte. Und es war immer nett. Und jetzt werde ich sie noch mal treffen – und zum Essen einladen.