Scheitern – und dann?

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Aufstieg, Fall und Rettung: Sven Casimir, Jan Becker und Patrick Henke von der Event-­Plattform „Heute in Hamburg“ erlebten zwei Jahre lang den großen Hype, konnten aber im Frühjahr 2017 ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. Sie machten ihre Pleite öffentlich – und wurden vom Innovation Lab Haspa Next gerettet. Wie fühlt es sich an, als Start-up-Gründer auf die Schnauze zu fliegen und wieder aufzustehen?

Beginnen wir mit einer abenteuerlichen Idee: Sie finden nachts im Schanzenviertel einen Koffer mit 300.000 Euro …

Sagen wir, Sie müssten das Geld nicht zur Polizei bringen. Was würden Sie damit machen?

Casimir: An dem Koffer hängt kein Namensschild, oder? Vielleicht sollte ich den ersten Schritt für mein eigenes Haus machen? Oder einfach ein finanzielles Polster haben. Unsere Idee für „Heute in Hamburg“ ist zuletzt nur am Geld gescheitert, nicht an den Ideen. Ein Problem, mit dem alle Kreativen zu kämpfen haben: Wie kann ich krea­tiv sein, wenn ich die ganze Zeit nur ans Geldverdienen denken muss?

Becker: Ich würde meinen VW-Bus restau­rieren, der ist nämlich genauso alt wie ich, 28 Jahre. Der hat hier und da einige Stellen, die man mal überarbeiten könnte. Dann könnte ich auch wieder zu neuen Abenteuern aufbrechen. Mit dem restlichen Geld würde ich Kletterausrüstung für das Zeltlager in Schleswig kaufen, wo ich mich ehrenamtlich engagiere und mit Kindern und Jugendlichen Zeit verbringe.

Henke: Ich würde den beiden Jungs sagen, dass wir 100.000 Euro auf unser Geschäftskonto packen. Mit dem, was dann noch überbleibt, würde ich wahrscheinlich eine Weltreise machen.

Wie abenteuerlich waren denn Aufstieg, Fall und Rettung von „Heute in Hamburg“?

Casimir: Das Ende kam für uns sehr unerwartet. Wir hatten im Herbst noch einen extremen Höhenflug, und alles lief geil. Und plötzlich saßen wir im Januar zusammen und dachten: Mist.

Becker: … Ich guckte auf die Zahlen und wusste, dass wir im März insolvent sind, wenn es so weitergeht. Wir mussten irgendwie handeln und wollten da nicht ins offene Messer laufen. Also haben wir das nach draußen kundgetan. Wir wussten, dass wir eine große Reichweite haben und ein Stück weit für Entsetzen sorgen werden.

Henke: Wir ahnten schon, dass solch eine Nachricht Wellen schlagen wird, aber wir waren am Ende trotzdem sehr von dem unglaublich positiven Feedback unserer Community begeistert. Das hat uns zum richtigen Zeitpunkt auch noch einmal Schub gegeben.

Woran hat es denn ganz konkret gelegen, dass Sie aufgeben mussten?

Becker: Es gab zu große Verzögerungen im Umsatz. Wir haben zwar nach und nach immer größere Werbekunden dazugewonnen, aber die Verhandlungen über eine Zusammenarbeit zogen sich teilweise über Monate. In der Zeit musst du aber trotzdem Geld verdienen und deine Leute bezahlen. Irgendwann wurden die Verzögerungen zu groß.

Haben Sie Fehler gemacht? Waren Sie zu naiv?

Becker: Klar, später kann man sich immer fragen, an welcher Stelle das Unvermögen da war. Warum haben wir es nicht geschafft, die wichtigen Deals schneller abzuschließen? Fakt ist, dass wir es nicht hinbekommen haben, das notwendige Geld rechtzeitig einzunehmen. Trotzdem war uns irgendwie klar: Wir müssen „Heute in Hamburg“ nicht abschalten – es gibt genügend Leute, die darauf Bock haben. Wir müssen nur die finanzielle Schieflage aus der Welt kriegen und eine Lösung finden, mit der es weitergehen kann.

Wie fühlte sich das Scheitern an?

Henke : Ich wollte es nicht wahrhaben. Einen Tag vorher wurden auch noch meine Weisheitszähne gezogen. Optimales Timing. Der bitterste Moment war, als uns klar wurde, dass wir wirklich keine Optionen mehr hatten und unseren Mitarbeitern und Freunden kündigen mussten. Darauf hast du als Gründer keinen Bock, wenn du ein geiles Team aufgebaut hast.

Casimir: Es war in dem Moment einfach sehr schade um das Projekt, dass so viele Hamburger und auch viele meiner Freunde täglich nutzen. In der Start-up-Szene wird Scheitern aber nicht automatisch negativ verstanden, sondern mitunter als wertvoller Erfahrungsvorsprung interpretiert. Die Szene empfindet Hinfallen nicht automatisch als Makel.

Als Existenzgründer kann man das Scheitern grundsätzlich nicht ausschließen. Wie schafft man es, cool im Kopf zu bleiben?

Henke: Es war wahnsinnig wertvoll, dass wir von Anfang an zu dritt waren. Jeder von uns hat seinen speziellen Fachbereich – dadurch ist das Gewicht auf verschiedene Schultern verteilt. Viele Gründer sind allein unterwegs und müssen alles machen: Marketing, Webseite bauen, Buchhaltung. Viele kaufen sich Fachkräfte ein, aber dafür braucht man wiederum das nötige Kapital. Wir konnten eigentlich alles selbst gestalten: die App programmieren, Social Media und auch alles andere, was wichtig war.

Casimir: Wir drei sind auch Freunde, das ist wichtig. Und wie man sich im Moment des Scheiterns richtig verhält, lernst du nicht an der Uni. Man muss sich einfach in seine kreativen Ideen stürzen und viele Sachen ausprobieren. Alles andere kommt dann von allein. Man scheitert ja auch in anderen Lebensbereichen, deshalb ist das eine grundsätzliche Frage der Einstellung. Man startet etwas, scheitert, aber das ist nicht der Weltuntergang. Irgendwo geht immer eine Tür auf, wenn eine andere zugeht, oder man findet jemanden, der einen ­weiterbringt.

     Jetzt haben Sie gemeinsam mit dem Innovation Lab Haspa Next einen Neustart für „Heute in Hamburg“ hingelegt. Was hat sich konkret geändert?

Henke : „Heute in Hamburg“ wird weiter in seiner Qualität und Identität bestehen bleiben – das freut uns sehr. Nachdem wir im März in die Haspa Next übergegangen sind, haben wir erst mal aus zwei super Teams ein großartiges Team geformt. Das hat sehr gut funktioniert, und wir haben viel Spaß zusammen. Aber jetzt gibt es auch nicht mehr nur „Heute in Hamburg“. Mit der neuen App AINO haben wir den Grundstein für unsere gemeinsamen, zukünftigen Vi­sionen gesetzt. Das wird alles noch sehr spannend.

Was kann man denn mit der neuen App machen?

Henke: Die User können in Form eines Chats mit uns kommunizieren und Empfehlungen für Events, Deals und Veranstaltungen bekommen. AINO ist ein Sprachprogramm, von dem man individuelle Tipps bekommt, die zu den persönlichen Interessen passen. Das läuft parallel zu den kuratierten Inhalten und Highlights, die man von „Heute in Hamburg“ bereits gewohnt ist.

Becker: Das Ziel ist, dass irgendwann die User mit AINO sprechen können, der sich dann mit ihnen unterhält und fragt: Hast du Lust auf neue Leute? Oder willst du gemeinsam mit deinen Freunden etwas erleben? AINO wird immer bessere Antworten auf unsere Fragen haben – ein sehr aufregendes ­Thema.

Was sind denn Ihre ganz persönlichen und exklusiven Ausgehtipps?

Henke: Es gibt in Hamburg viele tolle kleine und spontane Open-Air-Festivals, die oft nur von ein paar Freunden organisiert werden. Bei uns findet man natürlich auch die größeren Events, wie die „Grünanlage“ auf Entenwerder oder „Tekkno ist Grün“.

Casimir: Ich gehe gern bouldern in einer der vielen Hallen in Hamburg. Ein Sport, an dem ich buchstäblich hängen geblieben bin.

Becker: Ich mag das „Galopper des Jahres“ sehr gern, eine Bar für Craft-Beer im Haus 73 auf dem Schulterblatt.

Letzte Frage: Welches Abenteuer wollen Sie in Hamburg unbedingt noch erleben?

Henke: Dass unser schöner Fernsehturm

ENDLICH wiedereröffnet wird!

Casimir: Ich möchte dieses Jahr mit meiner Freundin zusammenziehen.

Becker: … Und ich werde im Sommer Vater. Ich habe bereits mitbekommen, dass dies mit Sicherheit einem großen Abenteuer gleichkommt.